In ähnlicher Weise verzeichnet das 1496 vom Gmunder Pfarrer Ambrosius Airinschmalz begonnene „Calendarium Gmundense“ (über das man in Heft 183 unserer Zeitschrift mehr erfahren kann) nicht nur die Bittgänge innerhalb der Pfarrei, sondern auch mehrere alljährliche Prozessionen der Gmunder und Waakirchner „mit dem Kreytz“ nach Tegernsee und Egern.
Aber auch aus dem Tal hinaus führten die Wege. Mindestens seit dem 17. Jahrhundert und wohl bis zur Säkularisation machten sich die Tegernseer und die Egerner Pfarrangehörigen (und als Teil der Pfarrei Egern auch die Kreuther) gemeinsam auf zum Marienwallfahrtsort Tuntenhausen bei Bad Aibling. Die alten Kirchenrechnungen halten fest, dass die Kosten für den Bittgang von den beiden Kirchenkassen im jährlichen Wechsel bezahlt wurden: Einund Ausläutgeld für die Mesner der durchquerten Orte, Zehrgeld für den mitgehenden Priester und die Gebühr für das Amt in Tuntenhausen. Damals marschierten die Wallfahrer aus dem Tal stets am Tag nach Christi Himmelfahrt über Miesbach, Frauenried und Irschenberg, überquerten bei Götting die Mangfall und kamen dann nach Högling, wo die mitgehenden Sänger und Fahnenträger vom Kloster aus verköstigt wurden. Vorbei am Schloss Maxlrain ging es schließlich fast schnurgerade zur Wallfahrtskirche, wo seit alters eine große Votivkerze der beiden Pfarreien brannte.
Dass bei solchen Bittgängen sich jedes Haus mit einer Person beteiligte, galt nicht nur als Ehrenpflicht. Zur Klosterzeit wurde ein Verstoß sogar mit einer Strafe belegt, die meist in Form von Wachs zu entrichten war. Doch gingen die meisten wohl gerne mit, waren die Bittgänge nach auswärts für sie doch seltene Gelegenheiten, aus dem „Winkel“ hinauszukommen, andere Gegenden zu sehen und vielleicht auch ohne elterliche Aufsicht dem anderen Geschlecht zu begegnen.
Die Zeit um 1800 brachte das Ende der großen Zeit der Bittgänge. Das Kloster, das solche Frömmigkeitsformen stets gefördert hatte, wurde aufgehoben. Der aufgeklärte Staat schränkte sie durch Verordnungen massiv ein; die Leute sollten lieber arbeiten, als ihre Zeit auf Wallfahrten zu verbringen. Als die Verhältnisse sich wieder lockerten, wurden von den zahlreichen Bittgängen der alten Zeit – Pfarrer Johann Nepomuk Kißlinger listet in seiner Chronik allein für die Pfarrei Egern nicht weniger als 24 im Jahr auf – nur wenige wieder aufgenommen.
Birkenstein als der einzige Wallfahrtsort der Region, der (im Unterschied zu Egern, Tegernsee, Miesbach, Föching oder Wilparting) „überlebt“ hatte, wurde nun das wichtigste überörtliche Ziel. Hierhin zieht man heute von Tegernsee und Egern gemeinsam am Samstag nach Christi Himmelfahrt auf einem rund fünfstündigen Weg, der zuerst an der Rottach entlang, dann über den Kühzagl-Pass nach Neuhaus hinüber und von dort ins Leitzachtal führt. Nach Gottesdienst und Mittagessen tritt man den Rückweg – wie es schon 1958 heißt – „wegen des Verkehrs mit Omnibus“ an.