Leseprobe zu
Heft 184
 
Kultur
Seite   <   1   2   3
 

Für Thoma war es das Höchste, wenn sie im Herrgottswinkel saß und stickte.

Aufprall im bürgerlichen Leben

Das Paar verlegte den Lebensmittelpunkt an den Tegernsee. Während Thoma in Stadelheim seine Gefängnisstrafe absaß, koordinierte Marion Alltag, den Hausbau auf der Tuften und die gemeinsame Zukunft. Sie widmete sich ganz der Aufgabe, als Frau der Gesellschaft ihrem Gatten den Auftritt zu gestalten. Stolz schrieb Thoma an seinen Freund Ludwig Ganghofer: „Marion ist noch bedeutend schwärzer geworden und hat jetzt die Bronzefarbe glücklich hinter sich, um ins Mulattische überzugehen. Es geht ihr awer good.

Marion Thoma mit Dackeln vor dem Eingang zum Tuften-Haus

Wenn wir Tennis spielen, ist immer große Gesellschaft aus Tegernsee da. (...) Das Publikum ist meist weiblich und schnattert und flüstert am Tenniszaun und ist glücklich, daß es auf dem Lande auch etwas zu Klatschen gibt (...) und ich freue mich im Stillen über die immer gleiche Fröhlichkeit, mit der Marion aufsteht und zu Bette geht.“ Das Ausbleiben von Nachwuchs im Literatenhaushalt wurde von den Tegernseern hinter vorgehaltener Hand ebenso eifrig kommentiert. Für die Eheleute war die Kinderlosigkeit eine schmerzliche Erfahrung.

Scheiterte die Liebe auch an den Umständen?


Alle Exotik seiner Frau vermochte Ludwig Thoma nicht von der Jagd und seinen Männergesellschaften abzuhalten. Für ihn war es das Höchste, wenn sie im Herrgottswinkel saß und stickte, wenn er nach der Schreibtischarbeit die Treppe herunterkam. Zugleich zeigte er sich großzügig. Er schickte sie in Skiurlaub nach Kitzbühel oder ließ sie mit Freunden nach Bozen und Meran reisen. Doch die Eifersucht plagte ihn. Als Marion einmal an einem „Tangotanzpreis“ teilnahm, reagierte er mit einem wütenden Gedicht.

Marion hingegen wollte sich nicht in die Rolle der klassischen Hausfrau fügen. Die gesellschaftlichen Zwänge bedrückten sie immer mehr, ebenso der nicht enden wollende Klatsch im Tal um ihre Vergangenheit als gefeierte Tänzerin im fernen Berlin. Bei einem ihrer morgendlichen Segeltörns nach Kaltenbrunn blieb das Schifferl liegen und Marion deckte sich mit einem Segeltuch ab. Daraus wurde ihr „unanständiges Baden“ angedichtet. Jeder Flirt geriet zum Gerücht über eine Affäre. Ein Brief an Marion brachte schließlich die Trennung. Thoma öffnete ihn und las, sie habe ihn mit einem jungen Mann betrogen. Wütend wollte er den Mann zum Duell fordern, doch Ganghofer hielt ihn davon ab: Der Bursche sei nicht satisfaktionsfähig, da er mit der Affäre geprahlt habe. Duelle waren zwar nach dem Reichsstrafgesetzbuch verboten, wurden aber oft heimlich ausgetragen. Ganghofer riet Thoma: „Ihr könnt so nicht mehr zusammenleben.“ Marion wurde nicht gehört, verhielt sich aber widersprüchlich. 1911 ließen sich die beiden scheiden.

Glücklich geschieden

Nach der Scheidung verbrachte Marion bis 1918 immer wieder ganze Monate auf der Tuften. Sie begleitete Thoma zur Berliner Premiere der Bauerntragödie „Magdalena“ und zu anderen Uraufführungen. Das einstige Ehepaar blieb in freundschaftlicher Verbindung, auch finanziell zeigte sich Thoma großzügig. In seinem Testament bedachte er Marion mit „zweimal hunderttausend Mark zur Abfindung ihrer Alimentationsansprüche“. Diese Ansprüche hätte sie, da sie als Schuldige geschieden war, rechtlich gar nicht geltend machen können.

Dennoch war Marions Leben nach Thomas Tod von finanzieller Unsicherheit geprägt. Ihre Tänzerinnen-Karriere war beendet, auf die Bühne kehrte sie nicht mehr zurück. Doch sie blieb Teil der illustren Münchner Gesellschaft, gab Spanisch-Unterricht und wurde zur Hundezüchterin für Pudel. Das Geschäft florierte. 1928 profitierte sie von der Veröffentlichung von Ludwig Thomas Liebesbriefen, die ihr Freund Walther Ziersch herausgab. „Ludwig Thoma, die Geschichte seiner Liebe und Ehe“ erbrachte Einnahmen in einem bescheidenen finanziellen Maß.

1931 heiratete Marietta/Marion noch einmal, doch auch diese Ehe bestand nur kurz. Nach der Scheidung 1933 nahm sie erneut den Namen „Thoma“ an und ließ sich wie zuvor als „Frau Dr. Thoma“ ansprechen. Es folgten mehrere juristische Auseinandersetzungen, nicht nur um das Namensrecht, auch um die Veröffentlichung der Briefe und letztlich ums Erbe. Maidi von Liebermann forderte etwa die Rückgabe von Mobiliar und Preziosen. Ziersch erwähnte in seinem Buch einen „herrlichen Saphirschmuck", den Thoma Marion „verehrt" hatte und den sie „bei Premieren neben ihm in der Loge" zu ihrem „pfauenblauen Kleid" trug. Das Gericht entschied zu Gunsten Marions. Maidi von Liebermann hatte die Kosten des Verfahrens zu tragen. In München nannte man Marion „Witwe Thoma“. 

Marion Thoma als alte Dame

Bis zu ihrem Lebensende bewahrte sie ein gerahmtes Foto ihres geschiedenen Mannes auf. 1966 starb sie in einem Münchner Altersheim. Die Münchner Abendzeitung zitierte Marion selbst: „Ich war zu jung, zu lebenslustig, zu unerfahren für ihn. Als wir jung verheiratet waren, wollte ich natürlich tanzen oder ins Theater gehen. Ludwig hatte nicht viel Sinn dafür, er blieb am liebsten auf der Tuften und ließ mich tagaus, tagein in Haus und Küche werkeln.“ Je älter sie wurde, desto liebevoller sprach Marion von ihrem Ex-Mann und pflegte das Bild als seine Frau und Muse: „Ich war doch ganz glücklich mit meinem Luke…“.

Sonja Still

Fotos und Bildquellen:
Richard Lemp: Ludwig Thoma. Bilder, Dokumente, Materialien zu Leben und Werk, 1984
Marta Schad: Weiberheld und Weiberfeind - Ludwig Thoma und die Frauen, 2016
Walter Ziersch: Ludwig Thoma, die Geschichte seiner Liebe und Ehe, 1928

Seite   <   1   2   3